Der Gegenwind war 2025 stark. Herr Selders, wie ist das Geschäftsjahr gelaufen für Endress+Hauser?
Selders: Die Firmengruppe hat 2025 erstmals über vier Milliarden Euro Umsatz erzielt. Das ist ein großartiger Erfolg, darauf sind wir stolz. Aber wir sind hinter unseren Zielen geblieben. Grund dafür ist vor allem der Einfluss der Wechselkurse. Die haben uns bei der Umrechnung in Euro mehr als drei Prozentpunkte Wachstum gekostet. Dass wir uns trotzdem gut behauptet haben, verdanken wir dem zusätzlichen Geschäft mit Gasanalyse- und Gasmesstechnik aus der Partnerschaft mit SICK. Auftragseingang und Umsatz entwickeln sich dort stabil, das ist sehr positiv.
Im angestammten Geschäft war die Umsatzentwicklung am Ende sogar leicht im Minus.
Selders: Das stimmt. Und es tut weh! Wir haben dort die Investitionszurückhaltung in der Chemieindustrie gespürt, die mit Überkapazitäten kämpft, ebenso die konjunkturelle Schwäche in wichtigen Märkten wie China und Deutschland. Das konnten wir mit Wachstum in anderen Branchen und Ländern nur teilweise ausgleichen. Aber auch wenn die Zahlen nicht aussehen wie gewohnt, haben wir eine gute Profitabilität erreicht. Wir können weiter in die Zukunft investieren.
Altendorf: Endress+Hauser hat seit der Finanzkrise 2009 gelernt, in anspruchsvollen Jahren noch umsichtiger zu wirtschaften. Zudem verfügt die Gruppe über robuste Strukturen und eine solide Finanzierung. Entscheidend sind jedoch die Menschen: Unser Management hat 2025 hervorragend gearbeitet und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben ein hohes Maß an Flexibilität, Einsatz und Verständnis für die Situation gezeigt.
Herr Endress, wie blickt die Familie auf das Geschäftsjahr 2025? Bereitet Ihnen das geringe organische Wachstum Sorgen?
Endress: Die Familie sieht 2025 als solides Jahr. Die vielen Turbulenzen haben unser Ergebnis beeinflusst, aber das beunruhigt mich wenig. Wir haben vergangenes Jahr so viele Geräte verkauft wie noch nie. Das zeigt unseren geschäftliche Stärke, unabhängig davon, was andere Kennzahlen nahelegen. Endress+Hauser ist in der Lage, jede Krise zu meistern, und hat oft gerade nach Zeiten voller Unsicherheit und Herausforderungen die besten Ergebnisse erzielt.
Die Gesellschafterfamilie hat inzwischen nahezu 80 Mitglieder. Wie gelingt es, die Verbundenheit aufrechtzuerhalten?
Endress: Manche könnten eine ständig wachsende Familie als Risiko für das Unternehmen sehen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Eine größere Familie heißt mehr Vielfalt: andere Sichtweisen, Erfahrungen und Meinungen, die Diskussionen bereichern und Entscheidungen verbessern können. Aber das klappt nur, wenn Einigkeit herrscht, wenn die Familie im gleichen Geist handelt und eine klare Vision für die Zukunft des Unternehmens teilt. Die Endress-Familie zeigt weiter viel Einsatz, um die Herausforderungen und Chancen des Geschäfts zu verstehen.
Altendorf: Die Gesellschafterfamilie ist ein zentraler Erfolgsfaktor für Endress+Hauser. Ihre Werte, Wärme und langfristige Ausrichtung ermöglichen es dem Unternehmen, globalen Veränderungen mit Stabilität und Optimismus zu begegnen. Dadurch können wir frei von Angst handeln und uns flexibel auf neue Rahmenbedingungen einstellen.
Steven Endress
Steven Endress, ein Enkel von Firmengründer Georg H. Endress, hat Matthias Altendorf an der Generalversammlung 2026 als Präsident des Verwaltungsrats abgelöst. Er sieht es als seine Aufgabe, die Werte und Kultur des Familienunternehmens zu leben und weiterzugeben. Der 47-Jährige vertrittseit 2024 die Familie im Verwaltungsrat. Davor arbeitete er zwölf Jahre lang für Endress+Hauser Großbritannien, zuletzt als Geschäftsführer. Steven Endress besitzt einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften und hat ein MBA absolviert. Er ist verheiratet und Vater zweier Kinder.
Was bedeutet es, dass die Familie künftig wieder den Verwaltungsratspräsidenten stellt?
Endress: Die Familie versteht, wie wichtig es ist, diese Position wieder aus den eigenen Reihen zu besetzen. Wir sind überzeugt, dass ein Familienunternehmen dann gedeiht, wenn engagierte Familienmitglieder auf allen Ebenen mitwirken, auch in strategischen Rollen. Dieser Moment ist für uns alle bedeutsam – zumal meine Cousine Sandra Genge den stellvertretenden Vorsitz im Familienrat übernimmt und der Generationswechsel so auch dort sichtbar wird. Ich freue mich auf meine neuen Aufgaben. Es ehrt mich sehr, die Familie als Verwaltungsratspräsident zu vertreten, und ich bin dankbar für das Vertrauen. Ich habe noch viel zu lernen, aber ich bin umgeben von fähigen und hilfsbereiten Menschen.
Auch im Executive Board kommt es zu einer umfassenden Erneuerung. Was steht hinter diesem Umbruch?
Altendorf: Altersbedingte Veränderungen sind bei Endress+Hauser nichts Neues; es ist die dritte Erneuerungsphase in der Gruppe, die ich miterlebe. Aufgrund des starken Wachstums der letzten Jahre lassen sich nicht alle Positionen intern besetzen. Das eröffnet die Chance, zusätzliches Know‑how ins Unternehmen zu holen und frische Impulse zu setzen. Der Verwaltungsrat und der CEO haben daher mit großer Sorgfalt nach den am besten geeigneten Persönlichkeiten für diese Aufgaben gesucht. Unsere Kultur spricht Menschen an, die das gemeinsame Ziel über das Ich stellen – das ist ein großer Vorteil.
Herr Altendorf, Sie verlassen nach fast 40 Jahren Endress+Hauser. Mit welchen Gefühlen blicken Sie zurück?
Altendorf: Mich erfüllen vor allem tiefe Dankbarkeit und Demut. Meine besondere Wertschätzung gilt der Familie Endress, die mit ihrem Vertrauen, ihren Werten und ihrem langfristigen Denken dieses Unternehmen prägt und mir meinen Weg ermöglicht hat. Ebenso danke ich den Menschen im Unternehmen, die mit ihrer Kompetenz, ihrem Engagement und ihrer Kollegialität meine Entwicklung und die des Unternehmens getragen haben. Nicht zuletzt gilt mein Dank unseren Kundinnen und Kunden, die uns ihr Vertrauen schenken und damit unsere Arbeit erst sinnvoll machen.
Endress: Matthias Altendorfs Verdienste sind wirklich beachtlich, und die Familie ist ihm dafür zutiefst dankbar. Sein Werdegang steht ebenso für persönlichen Einsatz wie für die leistungsorientierte Kultur von Endress+Hauser. Für mich besitzt er die außergewöhnliche Fähigkeit, unsere Familienwerte zu verkörpern. Er hat die Gruppe zu überragendem Wachstum und finanziellem Erfolg geführt und ist dabei immer den Grundsätzen treu geblieben, auf denen Endress+Hauser aufbaut.
Matthias Altendorf
Matthias Altendorf begann seine Karriere bei Endress+Hauser mit einer Ausbildung zum Mechaniker, an die sich Studium, Auslandsaufenthalt und Weiterbildung anschlossen. 2009 wurde er ins Executive Board berufen, 2014 übernahm er die Leitung der Firmengruppe als CEO. Seit 2024 begleitete er als Präsident des Verwaltungsrats den Generationswechsel in Familie und Unternehmen. 2026 hat er Endress+Hauser verlassen. Matthias Altendorf sitzt in Aufsichtsgremien und ist in Beratung und Lehre tätig. Der 58-Jährige ist verheiratet und Vater eines erwachsenen Sohnes.
Sie haben als CEO und Verwaltungsratspräsident viele wichtige Entwicklungen angestoßen und verantwortet. Was sehen Sie als Ihre wichtigsten Erfolge?
Altendorf: Im Unternehmen haben uns aus meiner Sicht der Schritt von der Informatik zur Digitalisierung sowie die systematische Weiterentwicklung unseres Top-Managements am weitesten vorangebracht. Gegenüber Markt und Kunden haben wir wichtige Impulse gesetzt, indem wir die Chancen der Globalisierung konsequent genutzt, komplexe Analysesysteme etabliert und den Gasmarkt für uns erschlossen haben, gekrönt durch die Partnerschaft mit SICK. All dies hat dazu beigetragen, dass Endress+Hauser Weltmarktführer in der Prozessmesstechnik geworden ist – und es hoffentlich bleiben wird.
Selders: Matthias Altendorf hat das Unternehmen kontinuierlich weiterentwickelt. Er hat gemeinsam mit den Menschen bei Endress+Hauser enormes Umsatzwachstum ermöglicht, Chancen genutzt, Krisen gemeistert und das Familienunternehmen bewahrt. Dies alles zusammen ist eine große Leistung.
Altendorf: Am Ende hoffe ich, dass ich mit meiner Arbeit die Herzen der Menschen erreicht, die Zuversicht gestärkt und gerade in Krisenzeiten Menschlichkeit bewahrt habe. Aber was immer ein Verwaltungsratspräsident oder ein CEO erreichen, sie leisten es nicht allein – es sind über 18.000 Mitarbeitende, die Tag für Tag Wirkung entfalten. Und wir stehen immer auf den Schultern unserer Vorgänger. Ohne deren Leistung wäre unser erfolgreicher Weg nicht möglich gewesen.
All diese personellen Veränderungen fallen in eine herausfordernde Zeit. Auf was kommt es jetzt an im Unternehmen?
Selders: Wir müssen Ruhe bewahren und den Fokus behalten. Weiter das tun, was uns stark macht: nahe an Markt und Kunden bleiben, zuverlässig und in hoher Qualität liefern, Chancen suchen und entschlossen nutzen. Wichtig ist, dass wir uns die Zeit nehmen, Entwicklungen richtig zu verstehen und einzuordnen. Dann können wir Entscheidungen treffen, die mittel- und langfristig Bestand haben. Also nicht täglich den Kurs ändern, sondern dann beherzt handeln, wenn der richtige Moment da ist. Unsere Gesellschafterfamilie bietet dafür einen verlässlichen Rahmen. Unser Familienunternehmen ist damit ein stabiler Gegenpol zur Unruhe in der Welt um uns: Wir halten die Balance, bewahren unsere Stärken und entwickeln uns Schritt für Schritt weiter.
Endress: Unsicherheit und Instabilität werden leider mehr und mehr zur Normalität. Doch Endress+Hauser war schon immer stark darin, notwendige Veränderungen voranzutreiben, gerade in schwierigen Zeiten. Damit haben wir uns immer wieder vom Wettbewerb abgesetzt. Die schlichte Wahrheit ist: Unsicherheit schafft auch Chancen.
Dr. Peter Selders
Dr. Peter Selders ist seit 2024 CEO der Endress+Hauser Gruppe. Zuvor arbeitete er im Product Center für Füllstands- und Druckmesstechnik der Gruppe in Maulburg, dessen Geschäftsführer er seit 2019 war. Seine ersten beruflichen Erfahrungen sammelte der promovierte Physiker in der Halbleiterindustrie. Dort prägten Wirtschaftszyklen und Börsenkurse den Alltag. Deshalb entschied er sich 2004 bewusst für das Familienunternehmen Endress+Hauser, um mit seiner Arbeit langfristige Ziele verfolgen zu können. Der 56-Jährige ist verheiratet und Vater von fünf Kindern.
Was haben Sie sich für 2026 vorgenommen?
Selders: Wachstum bleibt unser Ziel. Ich bin überzeugt, dass unsere Chancen dafür intakt sind, obwohl der Einfluss der Währungen auch 2026 negativ ist. Aber wir sind gut aufgestellt und arbeiten ständig daran, unsere Kunden noch besser zu unterstützen. Wir wollen unser Netzwerk und unser Portfolio ausbauen, neue Technologien entwickeln, das Geschäft mit Gasanalyse- und Gasmesstechnik noch tiefer integrieren. Es geht darum, neue Wachstumsfelder zu erschließen und als Unternehmen noch resilienter zu werden.
Was macht Ihnen Hoffnung beim Blick in die Zukunft?
Selders: Zuversicht geben mir unser klarer Kundenfokus und unser unbedingter Wille, ein verlässlicher und wertvoller Partner zu sein. Ebenso stimmen mich unsere Mitarbeitenden und unsere Gesellschafter hoffnungsvoll. Unser Zusammenhalt und unser Miteinander, unsere gemeinsamen Werte und Ziele setzen enorme Kräfte frei. Dazu kommt: Der Bedarf an Prozessmesstechnik wächst. Der Markt ist da – auch wenn die Zeiten unsicher sind.
Endress: Beruhigend finde ich, dass die meisten Bereiche von Endress+Hauser anhaltend auf sehr hohem Niveau arbeiten, trotz der geopolitischen Turbulenzen. Hoffnung gibt mir, gerade als Familienmitglied, dass wir weiter das Richtige tun werden: nämlich stark in Forschung und Entwicklung investieren, unsere globale Infrastruktur ausbauen und die Beziehungen zu Kunden und Partnern vertiefen.
Das Familienunternehmen
Firmengründer Dr. h. c. Georg H. Endress hat noch zu Lebzeiten das Unternehmen zu gleichen Teilen seinen acht Kindern übertragen. Bis heute stammen die Gesellschafter aus diesen Familien; vier Prozent der Aktien hält die gemeinnützige Georg H. Endress Stiftung. Über vier Jahrzehnte leitete der Firmengründer die Geschicke des Unternehmens selbst. 1995 folgte ihm sein Sohn Dr. h. c. Klaus Endress als CEO. Seit 2014 stehen Personen an der Spitze, die nicht der Gesellschafterfamilie angehören – zunächst Matthias Altendorf, seit 2024 Dr. Peter Selders. Dennoch bleibt die Familie dem Unternehmen eng verbunden. Ein Schlüssel dazu ist die Charta der Familie Endress. Sie stärkt mit Prinzipien und Strukturen den familiären Zusammenhalt, regelt die Mitwirkung im Unternehmen und führt die jüngere Generation ans Geschäft heran.